VII. Zeitzeugenprojekt der Fachschaft Religion:

„Fragt uns, wir sind die letzten …“ Henriette Kretz, Antwerpen

„Ich war noch nie so einsam“

 

 

 

Die Zeitzeugin Henriette Kretz war an den Kaufmännischen Schulen als Überlebende des Holocaust zu Besuch. Es war für viele Schülerinnen und Schüler das erste Mal, dass sie mit einer Überlebenden der Shoa zusammentreffen und so die Erinnerungen an das Geschehene der damaligen Zeit bewahren und weitergeben können. Es ist das VII. Zeitzeugenprojekt, das die Schule mit Unterstützung des Maximilian-Kolbe-Werks, Freiburg, durchführt.

Die SchülerInnnen hören wie ungezwungen Henriettes frühe Kindheit war und wie man frü-her spielte ohne „Fernsehen, Computer und Smartphone, aber man konnte aus den Bächen trinken, auf Bäume klettern und hatte viel frische Luft“. Doch von einem auf den anderen Tag sollte sich das ändern: Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen im September 1939, floh die Familie Kretz zu ihrer Verwandtschaft nach Lemberg, das heute territorial zur Ukraine gehört. Zur damaligen Zeit war es eine polnische Stadt, die auf Grund des Hitler-Stalin Paktes zunächst durch die sowjetische Rote Armee besetzt war. Als der Krieg begann war Henriette 5 Jahre alt und ihr Vater war als Mediziner in Sambor an einer Lungenheilanstalt tätig. Die Mutter, eine Rechtsanwältin, kümmerte sich um die Erziehung der Tochter. Mit dem Einmarsch der Deutschen durften alle Juden nicht mehr in ihren Berufen arbeiten. So erging es auch den Eltern. Henriette durfte nicht mehr zur Schule gehen und alle Kinder ab 9 Jahren und Erwachsene mussten eine Armbinde mit dem Davidstern tragen.

Eines Tages gab es eine sogenannte Säuberungsaktion und alle Juden der Stadt Sambor wur-den zu einem Sammelplatz geführt. Obwohl auch Ukrainer daran beteiligt waren, Hitler hat-te den Ukrainern die Unabhängigkeit versprochen, half ein ukrainischer Offizier der Familie zu entkommen. Bei einem Besuch vor einigen Jahren zeigte man Frau Kretz die 12 km ent-fernte Stelle, an der bei dem damaligen Massaker 6000 Menschen erschossen wurden. Alle Kinder mit denen sie vorher gespielt hatte, waren nicht mehr da. 

Die verbliebenen Juden mussten in das jetzt errichtete Ghetto von Sambor ziehen. Die Eltern hatten zuvor die Tochter bei einer Polin verstecken können. Damals wurde jeder von den Deutschen erschossen, der Juden bei sich aufnahm. Immer wenn Besuch kam, musste sich die achtjährige Henriette hinter einem Schrank verstecken, bis sie eines Tages von den Deut-schen entdeckt und inhaftiert wurde.

Das Gefängnis diente nur als Zwischenstation zum nahegelegenen Vernichtungslager Belzec. In der Zeit von März bis Dezember 1942 ermordeten die Nazis hier über 400.000 Menschen. In das Gefängnis warf man eines Tages ein Neugeborenes, das Henriette in ihre Jacke einwi-ckelte. Sie aß schon nichts mehr, denn „sie wollte lieber verhungern, als durch eine Kugel 
getötet werden“. Als der Wärter den Namen Kretz rief, wurde Henriette mit anderen Män-nern zurück in das Ghetto vom Sambor geführt. Es war ein mit mehrfachem Stacheldraht, Niemandsland und wieder Stacheldraht eingeschlossener Stadtbezirk. Nochmals war es den Eltern gelungen, Schlimmeres zu verhindern.

„Als meine Eltern mich sahen, knieten sie auf den Boden und weinten. Ich habe meine Eltern noch nie Weinen sehen“ ergänzt Frau Kretz. Ihr Vater war der einzig verbliebene Arzt im Ghetto Sambor. „Ich hatte nur eine Idee im Kopf: Essen“, aber im Ghetto gab es so gut wie nichts zu essen. „Manchmal habe ich Gras gegessen“ sagt die Zeitzeugin. Es wurde über die Liquidierung des Ghettos und den Abtransport in das Vernichtungslager Belzec gesprochen. Mit Hilfe des ukrainisches Arztes Dr. Bogonsiewicz, den ihr Vater während der russischen Besatzung einmal vor der Deportation bewahren konnte, gelang es der Familie sich zu verstecken. Der ukrainische Feuerwehrmann Patralski, der mit einer Polin verheiratet war, nahm sie auf.  Monatelang lebten sie in einer kleinen Kellergrube, die nur wenig Platz hatte, nicht wissend ob es Tag oder Nacht war. „Dann wurde es Frühjahr und Herr Patralski holte uns eines Tages aus der Grube und wir konnten auf den Dachboden. Es war wie der Aufgang zum Paradies“ beschreibt Frau Kretz die Situation. Henriette war so schwach, dass der Feuerwehrmann sie tragen musste. 

Aber eines Abends im Sommer 1944 hörten sie Schritte von  Soldaten und die erste Frage war: „Jude? – Mitkommen!“ Die Patralskis wurden erschossen, die Familie wurde abgeführt und der Vater sagte auf der Straße: „Ich habe genug gelitten, wenn sie mich erschießen wol-len, dann tun sie es gleich hier.“  Daraufhin löste der Soldat seine Pistole aus dem Halfter, der Vater warf sich auf den Soldaten und schrie zu Henriette: „Lauf, lauf!“ und sie lief und lief. Sie hörte die Schüsse, das Schreien der Mutter, wieder Schüsse und dann schon nichts mehr.
 „In diesem Moment wusste ich, dass ich keine Eltern mehr hatte.“
Sie erinnerte sich, dass es am anderen Ende der Stadt ein Waisenhaus gab. „Irgendwer vor mir, neben mir, hinter mir hatte mein Leben in der Hand. Er brauchte nur zu sagen: Jude. Es war die einsamste Zeit meines Lebens“ so beschreibt Frau Kretz den Weg dorthin. Schwester Zelina, Oberin der Nonnen vom Orden der Familie Mariens, sagte zu ihr: „ Kind, hier bist du in Sicherheit.“ 

 

Abschließend liest eine SchülerIn das Gedicht von Georg Bander vor. Er war das Baby, das Henriette damals in ihre Jacke einwickelt hatte.


Geburt
Es knarrte der Schlüssel in dem Schloss.
Durch die offene Tür warf jemand ein neugeborenes Baby,
nackt und mit Blut bedeckt.
Keiner kannte die Mutter - und so kam noch ein Jude auf die Welt.
Hania, Mädchen, du hast deine Jacke gegeben, um das Baby einzuwickeln:
Gott hat dich gerettet, um Zeuge zu sein, dass ich geboren bin und dass ein Wunder geschah.
Jüdische Frauen haben das Leben gegeben, so wie meine Mutter, die ich nie kennen lernen werde.
Wunderbare Madonnen, die in Belzec schlafen.
Ich lebe, um ihnen ein Lied zu singen.
Und so lange ich lebe, soll mein Gesang nicht aufhören.
Die Welt soll sich erinnern, dass ein Verbrechen geschah.
Das Schicksal hat mich verschont, um am frühen Morgen da zu sein,
um weiter zu singen,
um nicht zu vergessen,
so lange das Gedächtnis reicht.
Georg Bander

Frau Kretz hat ihre Erinnerungen in dem Buch „Willst Du meine Mutter sein“ aufgeschrieben.

Schwester Zelina versteckte insgesamt 11 jüdische und 3 Sinti und Roma Kinder unter den anderen Kindern in ihrem Waisenhaus. Im April 2016 wurde sie posthum mit der israelischen Yad Vashem Medaille „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. 

Einen Monat später waren die Deutschen auf dem Rückzug. Von Henriettes Familie überlebte nur ihr Onkel Heinrich Kretz die Zeit der Besatzung durch Nazi-Deutschland. Mit ihm ging sie nach dem Krieg nach Antwerpen.